Was Veränderung möglich macht

Wie aus guten Vorsätzen konkrete Schritte werden

Wir wissen vielleicht seit Jahren, dass wir mehr delegieren müssten. Wir wollten längst regelmäßiger Sport machen. Ein bestimmtes Gespräch schieben wir seit Wochen vor uns her. Oder wir versuchen zum wiederholten Mal, eine Gewohnheit loszuwerden, von der wir ziemlich genau wissen, dass sie uns nicht guttut.

Irgendwann stellt sich die Frage: Warum klappt das eigentlich nicht? Möglicherweise denken wir dann, wir müssten uns einfach mehr zusammenreißen, konsequenter sein oder mehr Disziplin aufbringen. Vielleicht stimmt das sogar. Aber es ist nur eine von mehreren möglichen Erklärungen.

Die Forschung zur Verhaltensänderung zeigt vor allem eines: Ob wir etwas anders machen, hängt nicht an einem einzigen Hebel. Oft wirken mehrere Faktoren zusammen – was wir wollen, was wir gewohnt sind, was wir können und uns zutrauen und die Bedingungen, unter denen wir handeln.

Das ist eine gute Nachricht. Denn wenn es mehrere Gründe geben kann, warum Veränderung nicht gelingt, gibt es auch mehrere Stellen, an denen wir ansetzen können.

1. Ist es tatsächlich mein Ziel?

Nicht jede Veränderung, die sinnvoll wäre, ist automatisch eine, die wir selbst wollen. Vielleicht sagt der Arzt, ich sollte mich mehr bewegen. Meine Mitarbeiter wünschen sich, dass ich mehr Verantwortung abgebe. Mein Partner findet, ich sollte weniger arbeiten. Der Anstoß darf durchaus von außen kommen. Entscheidend ist, ob ich ihn mir zu eigen mache: Will auch ich diese Veränderung – oder versuche ich vor allem, einer Erwartung zu entsprechen?

Forschung zur Motivation zeigt, dass es einen Unterschied macht, ob wir ein Ziel als selbstgewählt und für uns stimmig erleben oder uns vor allem unter Druck gesetzt fühlen, etwas tun zu müssen.

2. Was hält das bisherige Verhalten aufrecht?

Auch wenn wir etwas wirklich verändern wollen, erklärt das noch nicht, warum wir bislang immer wieder das Alte tun. Ich möchte mehr delegieren. Weniger rauchen. Gelassener reagieren. Das beschreibt, was ich verändern möchte. Es erklärt aber noch nicht, was mein bisheriges Verhalten aufrechterhält.

Manches Verhalten erfüllt eine Funktion. Ein Unternehmer kontrolliert vielleicht deshalb so viel, weil Kontrolle ihm Sicherheit gibt. Eine Führungskraft vermeidet ein schwieriges Gespräch vielleicht nicht deshalb, weil sie dessen Notwendigkeit nicht verstanden hat, sondern weil sie Konflikte schwer aushält. Ein bestimmtes Verhalten kann zuverlässig für Entspannung sorgen.

Wenn ich nur versuche, das unerwünschte Verhalten abzustellen, verschwindet das, was es für mich leistet, nicht automatisch mit. Das Bedürfnis nach Entspannung bleibt. Ebenso der Wunsch nach Sicherheit oder danach, einer unangenehmen Situation aus dem Weg zu gehen.

Deshalb kann es hilfreich sein, nicht nur zu fragen: „Wie werde ich dieses Verhalten los?“ Sondern auch: „Was leistet es für mich – und was könnte diese Funktion stattdessen übernehmen?“

Wenn aus Verhalten eine Gewohnheit geworden ist

Bei Gewohnheiten kommt noch etwas hinzu. Je häufiger wir dasselbe Verhalten in ähnlichen Situationen wiederholen, desto stärker kann es mit diesen Situationen verknüpft und zunehmend automatisch ausgelöst werden. Wir entscheiden dann nicht jedes Mal neu.

Das ist einer der Gründe, warum der Satz „Aber du weißt doch, dass …“ so wenig erklärt. Natürlich kann jemand sehr genau wissen, dass er etwas verändern möchte. Und trotzdem läuft in einer bestimmten Situation immer wieder dasselbe eingeübte Verhalten ab.

Bei stark gewohnten Verhaltensweisen lohnt es sich deshalb, genauer auf die Auslöser zu schauen: Wann passiert das Verhalten? Was geht ihm voraus? Welche Orte, Zeiten, Menschen, Situationen oder Gefühle gehören dazu?

Und dann wird es praktisch: Kann ich an diesen Bedingungen etwas verändern? Was soll in dieser Situation künftig stattdessen passieren? Wer eine alte Gewohnheit verändern will, muss häufig nicht nur das Alte unterbrechen. Das neue Verhalten muss eingeübt werden. Dabei hilft es, wenn es möglichst einfach ausführbar ist und an eine wiederkehrende Situation geknüpft wird. Das ist weniger spektakulär als ein großer Vorsatz. Aber es eröffnet konkrete Ansatzpunkte.

3. Kann ich das – und traue ich mir zu, dass ich es kann?

Manchmal wollen wir etwas verändern, haben aber noch nicht alles, was wir dafür brauchen. Eine Führungskraft möchte schwierige Mitarbeitergespräche besser führen, hat aber nie gelernt, wie sie kritische Rückmeldungen klar formulieren kann. Ein Unternehmer möchte mehr delegieren, weiß aber nicht recht, wie er Aufgaben so übergibt, dass Verantwortung tatsächlich bei jemand anderem landet. Jemand möchte anders mit Stress umgehen, kennt aber kaum Alternativen zu dem Verhalten, das er verändern will. Dann fehlt es möglicherweise nicht an Motivation oder Disziplin. Es fehlt schlicht etwas, das ich noch lernen oder üben kann.

Daneben spielt eine zweite Frage eine Rolle: Traue ich mir die Veränderung überhaupt zu? Ich kann durchaus wissen, wie etwas geht, und trotzdem wenig Vertrauen darin haben, dass ich es selbst hinbekomme. Vielleicht habe ich es schon mehrfach versucht und bin gescheitert. Vielleicht erscheint mir das Ziel inzwischen so groß, dass ich gar nicht mehr recht weiß, wo ich anfangen soll.

Deshalb lohnt es sich, beides anzuschauen: Was müsste ich noch lernen oder üben? Und was würde mir helfen, die Veränderung für mich als machbar zu erleben?

4. Unter welchen Bedingungen versuche ich mich eigentlich zu verändern?

Wir behandeln Veränderung gerne wie eine rein persönliche Angelegenheit. Aber Menschen verändern sich nicht im luftleeren Raum. Wer Verantwortung abgeben soll, braucht jemanden, der sie übernehmen kann. Wer regelmäßig Sport machen möchte, hat es leichter, wenn Bewegung organisatorisch in sein Leben passt. Wer eine Gewohnheit verändern möchte, während sein gesamtes Umfeld sie täglich selbstverständlich praktiziert, hat andere Bedingungen als jemand, dessen Umfeld die Veränderung unterstützt. Zeit spielt eine Rolle. Geld kann eine Rolle spielen. Zugänglichkeit. Arbeitsorganisation. Familie. Kollegen. Soziale Erwartungen.

Und hier gehört auch die Frage: Wer könnte mich unterstützen? Das kann jemand sein, der etwas mit mir gemeinsam tut. Jemand, der mir eine Fähigkeit vermittelt. Jemand, der eine Aufgabe übernimmt. Oder schlicht jemand, dem ich erzählen kann, dass mir etwas gerade schwerfällt.

Manchmal liegt ein wirksamer Hebel gar nicht ausschließlich in uns selbst, sondern in den Bedingungen, die wir beeinflussen können. Das gilt besonders in Organisationen. Wir appellieren schnell an Menschen, ihr Verhalten zu ändern, obwohl Strukturen das alte Verhalten permanent wahrscheinlicher machen.

Dann kann es sinnvoll sein, beim Menschen anzusetzen und gleichzeitig die Bedingungen zu verändern. Nicht entweder Mensch oder Umfeld. Häufig beides.

5. Wie wird aus einem Vorsatz tatsächliches Verhalten?

„Ich möchte mich mehr bewegen“ ist ein Wunsch. „Montags, mittwochs und freitags gehe ich nach der Arbeit direkt eine halbe Stunde laufen“ ist schon näher an einem Verhalten.

Zwischen Absicht und Umsetzung liegt ein Schritt, den wir leicht unterschätzen: Wir müssen übersetzen, was wir konkret wann und unter welchen Bedingungen tun werden. Gerade bei Gewohnheiten kann es helfen, das gewünschte Verhalten an eine konkrete Situation zu koppeln: Wenn X passiert, mache ich Y. Und dann braucht es Wiederholung. Vielleicht auch Unterstützung, eine Erinnerung, eine veränderte Umgebung, einen festen Termin oder eine Verabredung.

Die Frage lautet also nicht nur: Will ich das wirklich? Sondern: Wie sieht dieses neue Verhalten am Dienstag um 18.30 Uhr tatsächlich aus? Das klingt banal. Aber Veränderung findet am Ende nicht in unseren Vorsätzen statt, sondern in konkreten Situationen.

6. Und was mache ich, wenn es nicht klappt?

Veränderung verläuft selten so ordentlich, wie sie im Nachhinein erscheint. Wir brauchen mehrere Anläufe, fallen in alte Gewohnheiten zurück, machen denselben Fehler noch einmal oder schaffen nur einen Teil dessen, was wir uns vorgenommen haben.

Vor einiger Zeit sagte jemand in einem Gespräch über eine solche Veränderung zu mir: „Ich habe den Krieg gegen mich selbst wieder aufgenommen.“ Der Satz ist mir nachgegangen. Denn wenn etwas nicht gelingt, liegt es nahe, den Druck zu erhöhen: sich mehr zusammenzureißen, strenger mit sich zu sein, sich für das eigene Scheitern vielleicht sogar abzuwerten. Natürlich können Disziplin, Konsequenz und Anstrengung bei Veränderung wichtig sein. Aber wenn etwas wiederholt nicht funktioniert, brauche ich noch etwas anderes: Ich muss verstehen, warum.

Dafür brauche ich Selbstreflexion. Und Selbstreflexion braucht eine Voraussetzung, die leicht übersehen wird: Ich muss einigermaßen aushalten können, was ich dabei über mich erfahre. Vielleicht stelle ich fest, dass ich Kontrolle nur schwer abgebe. Dass ich Konflikten ausweiche. Dass ich einen Fehler gemacht habe. Dass mein eigenes Verhalten einen erheblichen Anteil an einem Problem hat.

Je bedrohlicher solche Erkenntnisse für mich sind, desto schwieriger kann es werden, wirklich hinzuschauen. Vor allem dann, wenn aus „Da habe ich einen Fehler gemacht“ sehr schnell „Ich bin unfähig“ wird oder aus „Da habe ich einen Anteil“ ein grundsätzliches Urteil über mich selbst.

Scham kann das noch verstärken. Dann kann es leichter sein, bestimmte Dinge gar nicht erst genauer anzuschauen, sie kleinzureden oder die Erklärung vollständig nach außen zu verlagern. „Mit diesen Mitarbeitern kann man eben nicht delegieren.“ „Mein Chef ist das Problem.“ „Die Kunden sind einfach unmöglich.“

Selbstabwertung und die Abwertung anderer sehen zunächst wie Gegensätze aus. Beide können aber dazu führen, dass die Untersuchung zu früh beendet wird: Einer ist schuld – ich oder die anderen. Nur wissen wir dadurch noch immer nicht, was eigentlich passiert ist.

Vielleicht hilft dabei ein Schritt: beobachten, bevor wir bewerten. Was ist passiert? Was davon lag an mir? Was an anderen? Was an den Bedingungen? Und was kann ich daraus für den nächsten Versuch lernen? Das bedeutet nicht, den eigenen Anteil kleinzureden. Es geht darum, ihn möglichst genau zu verstehen. Ein Versuch, der nicht funktioniert hat, liefert auch Informationen darüber, was offenbar noch nicht reicht oder anders werden muss.

Warum greifen wir dann trotzdem zu Härte und Selbstabwertung? Vielleicht auch, weil wir ihnen eine Funktion zuschreiben: Wir glauben, dass wir den Druck brauchen. Dass wir uns zusammenreißen müssen. Dass wir ohne die nötige Strenge nachlässig werden oder uns mit etwas zufriedengeben, das wir eigentlich verändern wollen. Dahinter steckt eine durchaus nachvollziehbare Sorge: Wenn ich mich selbst akzeptiere, obwohl mir etwas nicht gelingt – verliere ich dann nicht den Antrieb, es weiter zu versuchen?

Genau das scheint aber kein notwendiger Gegensatz zu sein. Sich mit dem gegenwärtigen Zustand zu vertragen, ist nicht dasselbe, wie ihn nicht verändern zu wollen. Ein weniger abwertender Umgang mit sich selbst bedeutet nicht automatisch, dass der eigene Anspruch verschwindet. Forschung zu Selbstmitgefühl deutet vielmehr darauf hin, dass ein weniger selbstabwertender Umgang nach Fehlern oder Misserfolgen durchaus mit weiterer Verbesserungsmotivation vereinbar sein kann.

Vielleicht brauchen wir also nicht unbedingt den Krieg, um weiterzumachen. Manchmal brauchen wir nach einem Rückschlag zunächst etwas anderes: Abstand, Unterstützung, Humor, vielleicht auch Trost. Damit wir wieder in der Lage sind hinzuschauen – und zu entscheiden, was wir beim nächsten Versuch anders machen.

7. Muss ich daran überhaupt etwas ändern?

Wenn es gelingt, einigermaßen nüchtern auf uns selbst zu schauen, kann dabei auch etwas herauskommen, das uns nicht besonders gefällt: Das kann ich tatsächlich nicht besonders gut.

Eigentlich ist daran zunächst nichts Außergewöhnliches. Jeder Mensch kann manche Dinge besser und andere schlechter. Trotzdem kann es erstaunlich schwer sein, sich die eigenen Schwächen einzugestehen.

Vielleicht auch deshalb, weil wir aus einer begrenzten Fähigkeit schnell eine Aussage über die ganze Person machen: „Ich kann das nicht besonders gut“ wird zu „Ich bin nicht gut genug.“

Dabei verschwindet eine Schwäche nicht dadurch, dass ich sie nicht sehen möchte. Und gerade für die praktische Lösung kann es entscheidend sein, sie zu kennen. Denn wenn ich mir nicht eingestehen kann, wo ich etwas nicht gut kann, wird es auch schwieriger, mir genau dort Hilfe zu holen.

Und selbst wenn ich eine Schwäche erkannt habe, folgt daraus nicht automatisch, dass ich sie beseitigen muss. Ich kann daran arbeiten. Ich kann aber auch eine andere Lösung finden. Wenn Zahlen nicht meine Stärke sind, kann ich mich darin weiterbilden. Ich kann aber auch jemanden einstellen, der darin hervorragend ist. Wenn ich bestimmte organisatorische Aufgaben schlecht bewältige, kann ich Hilfsmittel oder Strukturen schaffen. Wenn jemand anderes etwas viel besser kann, kann Arbeitsteilung die intelligentere Lösung sein.

Nicht jede Schwäche muss zur Stärke werden. Manchmal ist es sinnvoller, die eigenen Stärken weiterzuentwickeln und für Schwächen gute Lösungen zu finden. Und manchmal kann ich sogar entscheiden, an einer Schwäche gerade überhaupt nicht zu arbeiten.

Wir haben begrenzte Zeit, Aufmerksamkeit und Energie. Auch die Entscheidung, wofür wir sie einsetzen, gehört zu einem vernünftigen Umgang mit Veränderung.

Und vielleicht gehört dazu auch, die eigenen Einflussmöglichkeiten realistisch einzuschätzen. Veränderung lässt sich nicht erzwingen. Auch wenn wir vieles richtig machen, gibt es keine Garantie, dass sie gelingt.

Vielleicht geht es deshalb auch darum, genauer zu verstehen, was es an dieser Stelle braucht – und daraus Schlüsse zu ziehen. Etwas auszuprobieren, zu beobachten, was passiert, aus Rückschlägen zu lernen und den nächsten Versuch entsprechend anzupassen.

Dabei gibt es selten nur einen Hebel. Manchmal braucht es tatsächlich mehr Disziplin, manchmal Übung, Unterstützung oder andere Bedingungen – und häufig mehrere Dinge gleichzeitig. Manchmal braucht es einen weiteren Versuch. Und manchmal die Entscheidung, etwas so zu lassen und die eigene Energie an anderer Stelle einzusetzen.

Nikola Doll